Kapitel 2

2. Zum Verständnis von Kultur

Wissenschaftliche Zugänge zum Kulturbegriff

Zum Verständnis der Entstehung und Wirkung interkultureller Konflikte ist es unumgänglich, sich mit unterschiedlichen Aspekten von „Kultur“ zu befassen. Hierzu ist es nötig, Kulturtheorien und -modelle zu rezipieren und sie auf den Gegenstand dieser Arbeit zu beziehen. Der wissenschaftliche Versuch, sich dem Kulturbegriff zu nähern, ermöglicht daher zahlreiche und diverse Anknüpfungspunkte. Die Komplexität des Phänomens „Kultur“ erfordert die Darstellung unterschiedlicher Reflexionsebenen.

„Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller Mitglieder und definiert deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlende Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft somit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung.“ (Thomas, 1993, S. 380)

Ausgehend von dem zitierten Kulturbegriff werden die in dieser Arbeit vorgestellten Überlegungen die Notwendigkeit begründen, weshalb und auf welchem Wege Formen interkultureller Annäherung innerhalb multikultureller Teams in Unternehmen eingeübt werden sollten.

Die interkulturelle Bildung ist eine notwendige Reaktion unserer Gesellschaft und ihrer Institutionen auf die ethnische Vielfalt in unserer Lebenswelt. Die Globalisierung und die Migration sind eine Herausforderung für die Gesellschaft (Eppenstein & Kiesel, 2008, 13f.). Unter interkultureller Kommunikation wird ein interpersonaler Kontakt zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen bezeichnet:

„Als interkulturell werden alle Beziehungen verstanden, in denen die Beteiligten nicht ausschließlich auf ihre Codes, Konventionen, Einstellungen oder Verhaltensformen zurückgreifen, sondern in denen andere Codes, Konventionen, Einstellungen und Alltagsverhaltensweisen erfahren werden. Dabei werden diese als ‚fremd‘ erlebt.“ (Bruck, 1994, S. 343)

Der Gegenstandsbereich der interkulturellen Kommunikation kann entsprechend breit gefächert sein: So lässt er sich sowohl auf die unmittelbare Interaktion von Gesprächspartnern als auch auf andere kommunikative Ausdrucksformen wie die Körpersprache, die Gestik oder den Tonfall beziehen. Die interkulturelle Kommunikation umfasst auch die Konsequenzen, die sich aus den kommunikativen Beziehungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen entwickeln. (Eppenstein et al., 2015, S. 7–14)

Wenn also die interkulturelle Kommunikation dazu dient, ein Mittel der Verständigung zwischen Vertretern und Vertreterinnen unterschiedlicher Kulturen zu sein, so liegt es nahe, dass sie sich mit besonderem Interesse den Missverständnissen, also den kommunikationsbedingten, unbeabsichtigten Konflikten, widmet. Der Fokus interkultureller Interaktionen richtet sich demnach auf Störungen, Krisen und Konflikte, die ihren Ausdruck in Aggressionen, Gesprächsunterbrechungen oder -abbrüchen zwischen den Gesprächspartnern finden können. Interkulturelle Missverständnisse sind in der Regel Folgen der Fehlinterpretation des sprachlichen oder des nonverbalen Verhaltens und Handelns der Kommunikationspartner, die sich mit Unkenntnis oder fehlender Erfahrung begründen lassen. Nicht selten wird das Verhalten der Gesprächspartner als verunsichernd oder sogar als verletzend empfunden. (Hoppe, 2017, S. 170–186)

Im Zusammenhang interkultureller Interaktionen lässt sich eine Dynamik von Einstellungen, Vorannahmen, Anpassungsstrategien sowie von Reaktionen und Gegenreaktionen erkennen. Terkessidis interpretiert den Kulturkontakt in durch Migration geprägten Gesellschaften nicht als ein „Aufeinanderprallen“ von Kulturen, sondern als ein Interagieren unterschiedlicher, sprachlich und kulturell geprägter Handlungsmuster, Kommunikationsstile und Werte (Terkessidis, 2010, S. 111–119).

Die komplexe Lebenswelt moderner Einwanderungsgesellschaften schafft neue Formen der Kommunikation und der Interaktion. In ihnen können interkulturelle Begegnungen als Ausdruck eines Spannungsverhältnisses zwischen dem einerseits Eigenen und Vertrauten und andererseits dem Fremden und Unvertrauten bezeichnet werden. Dieses Spannungsverhältnis kann von den jeweiligen Gesprächspartnern als Herausforderung oder als Überforderung erlebt werden. (Lüsebrink, 2016, S. 95–104)

Der Einzelne lässt sich in seinen Einstellungen und Handlungen durch kulturspezifische Werte leiten. Diese Orientierungen sind von einer bestimmten Kultur geprägt und auf ihrer Grundlage wird in der Regel das Handeln anderer Menschen beurteilt. Die Forschung interkultureller kommunikativer Handlungen geht sowohl von der Existenz universeller Kulturstandards als auch von dem nachhaltigen Einfluss kulturraumspezifischer Standards aus (Erll & Gymnich, 2008, S. 50–52; Hofstede, 2008, S. 44–49; Thomas, 2003, S. 111–113).

Um interkulturelle Kommunikation erfolgreich gestalten zu können, ist es von entscheidender Bedeutung, die verschiedenen Aspekte von Kultur zu verstehen. Neben den kulturspezifischen Werten gibt es auch sichtbare und unsichtbare Aspekte von Kultur, die das Denken und Handeln beeinflussen. Im nächsten Kapitel werden diese Aspekte beleuchtet und ihre Bedeutung für die interkulturelle Kommunikation diskutiert.

Sichtbare und unsichtbare Aspekte von Kultur

Kultur basiert auf der Herausbildung von Gewohnheiten innerhalb von Gemeinschaften. Es bilden sich kulturelle Codes heraus, diese sind Konventionen über den Gebrauch und die Bedeutung von Zeichen (Mogge-Grotjahn, 2015, S. 114–127). Unsere Wirklichkeitsdeutung, unsere Urteile und Ansichten über jene Dinge, die uns alltäglich begegnen, sind demnach kulturell vorgeprägt.

Dementsprechend beschreibt Maletzke Kultur „[…] als ein System von Konzepten, Überzeugungen, Einstellungen und Wertorientierungen, die sowohl im Verhalten und Handeln der Menschen als auch in ihren geistigen und materiellen Produkten sichtbar werden. […] Kultur ist die Art und Weise, wie die Menschen leben und was sie aus sich selbst und ihrer Welt machen“ (Maletzke, 1996, S. 16).

Im Zusammenhang mit dem hier diskutierten Verständnis des Kulturbegriffs sei auf ein Modell verwiesen, in dem ein differenzierter Blick auf die Wahrnehmung kultureller Phänomene geworfen wird. Das Eisbergmodell (siehe Abb. 1) verdeutlicht, dass einige Bereiche von Kultur „über der Oberfläche“ liegen (ca. 1/10), also leicht sichtbar und hörbar sind (z.B. Sprache, Bräuche, Kleidung, Essen), während der überwiegende Teil „unter der Wasseroberfläche“ verborgen bleibt (z.B. Normen, Werte, Glaube, Traditionen, Erfahrungen, Rollenbilder). Die Bereiche, die unterhalb der Wasseroberfläche liegen, sind für Menschen, die mit der Kultur nicht vertraut sind, nicht direkt sichtbar. Sie beeinflussen den kleinen wahrnehmbaren Teil jedoch wesentlich und sind somit aufgrund ihrer „Unsichtbarkeit“ oft die Ursache für interkulturelle Kommunikationskonflikte. Wissen um die verborgenen kulturellen Aspekte und ein sensibler Umgang mit ihnen können die Gefahr solcher Missverständnisse eindämmen. (Hiller, 2016, S. 8)

Über der Oberfläche · sichtbar (≈ 10 %)

SpracheSymboleKleidungEssenRitualeGeschlecht

Unter der Oberfläche · unsichtbar (≈ 90 %)

WerteNormenIdealeGlaubeErziehungsidealeRollenverständnisseBildungsidealeTraditionen
Abbildung 1: Eisbergmodell: Sichtbare und unsichtbare Aspekte von KulturAnmerkung. Eigene Darstellung in Anlehnung an Hiller, 2016, S. 8 (basierend auf AFS international, 1984, S. 14)

Ergänzend entwickelte Hofstede ein dreistufiges Modell, in dem er die Interdependenz von menschlicher Natur, Kultur und Persönlichkeit darstellt. Entsprechend diesem Modell zeichnet sich die „mentale Programmierung“ eines Menschen dadurch aus, dass bestimmte Anteile eines Individuums durch Einzigartigkeit auffallen und weitere Anteile mit anderen geteilt werden (Hofstede, 1993, S. 18–27). In dem hier abgebildeten Modell (siehe Abb. 2) werden Hofstedes Überlegungen visualisiert:

PERSÖNLICHKEITKULTURMENSCHLICHE NATURIndividuums-spezifischGruppen- oderkategoriespezifischUniversellErlebt + ErlerntErlerntErerbt
Abbildung 2: Die drei Ebenen der mentalen ProgrammierungAnmerkung. Eigene Darstellung nach Hofstede, 1993, S. 19

Auf der unteren Ebene der „menschlichen Natur“ wird – nach Hofstede – eine Person durch ihr phylogenetisches Erbe gelenkt. Auch wenn dies bedeutet, dass alle Menschen die Anlage zu bestimmten Gefühlen besitzen, so ist die Ausprägung dieser Anlagen zum großen Teil das Ergebnis kultureller Einflüsse. Diese genetische Programmierung kann als universell vorausgesetzt werden.

Die Ebene der „Persönlichkeit“ wird durch charakterliche Züge geprägt, die sich als Resultat des Zusammenspiels sozialisierter und ererbter Faktoren entwickelt hat. Die gelernten Elemente können sowohl der Persönlichkeit als auch den kulturellen Einflüssen, also der kollektiven Programmierung, geschuldet sein.

Die Ebene der „Kultur“ lässt sich sowohl gruppen- als auch kategoriespezifisch differenzieren. Unterschiede zwischen den Kulturen zeigen sich anhand voneinander abweichenden Wertesystemen, Riten, Bräuchen und Symbolen. Die kulturelle Ebene ist für Hofstede besonders bedeutsam, da sie nachhaltigen Einfluss sowohl auf die „menschliche Natur“ als auch auf die „Persönlichkeit“ ausübt. (Hofstede, 1993, S. 18–27)

Die Fähigkeit, in interkulturellen Teams zu arbeiten, macht umfassende Kenntnisse interkultureller Prozesse erforderlich. Die empathische Interaktion mit den Kollegen und Kolleginnen ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit in Teams, da die Lebenswelt der einzelnen Teammitglieder ebenso beachtet werden muss wie deren Sozialisation in ihren Herkunftsländern. (Eppenstein, 2010, S. 96–103)

Im folgenden Kapitel werden konzeptionelle Grundlagen des Umgangs mit kultureller Diversität vorgestellt, die für ein umfassendes kulturelles Wissen zur Umsetzung interkultureller Ansätze in der Praxis notwendig sind.

Kulturdimensionen und Kulturstandards

Für interkulturelle Annäherungen im Unternehmen erweist es sich als notwendig zu wissen, welche kulturtypischen Bedeutungs- und Orientierungssysteme bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen handlungsleitend sind. Der niederländische Psychologe Hofstede hat eine Studie über Wertorientierungen durchgeführt. Diese ergeben ein universelles Raster, das für das Handeln der Menschen weltweit, aber in den einzelnen Ländern mit unterschiedlicher Ausprägungsstärke relevant ist. In seinem Modell zur Erfassung kultureller Unterschiede hat Hofstede sechs zentrale Werte, die er als „Kulturdimensionen“ definiert, herausgearbeitet. Der universalistische Ansatz der Kulturdimensionen bietet umfassendes Grundlagenmaterial, eine Fülle an unterschiedlichen Indikatoren sowie diverse Auswertungsmöglichkeiten für interkulturelle Kooperationen. Er kann dazu dienen, eine Vergleichbarkeit von zentralen Aspekten in den unterschiedlichen Kulturen vorzunehmen. (Hofstede, 2001, S. 24–31)

Dieser Ansatz ist grundlegend geeignet für eine differenzierte Wahrnehmung von interkulturellen Interaktionssituationen in multikulturell zusammengesetzten Kontexten. In diesem Kapitel liegt der Schwerpunkt auf der Diskussion unterschiedlicher Kulturdimensionen. Sie verdeutlichen anhand kultureller Schnittstellen kulturelle Differenzen, die für das Tiefenverständnis kultureller Konflikte verantwortlich sind.

Aus den von Hofstede angeführten Orientierungsangeboten leiten sich gegensätzliche Dimensionen einer Klassifizierung kultureller Differenzen ab. Die Kulturdimensionen wurden in verschiedenen Ländern entlang länderspezifischer Profile mit dem Ziel entwickelt, das Maß an kultureller Diversität bei der Zusammenarbeit zwischen Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen feststellen zu können (siehe Abb. 3).

Individualismus

Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Selbstverwirklichung

gegenüber

Kollektivismus

soziale Abhängigkeit, Einbindung, Netzwerke, Loyalität, Verantwortung

Dimension 1

Femininität

soziale Geschlechtergleichheit, soziale Beziehungen, das Behüten und Bewahren, prosoziales Verhalten, Empathie

gegenüber

Maskulinität

Trennung der Gesellschaftsrollen, patriarchalische Verhaltensformen, Macht, Kampf, Leistung, Besitz

Dimension 2

Machtdistanz niedrig

flache Hierarchien, soziale und rechtliche Gleichsetzung, Dezentralisierung

gegenüber

Machtdistanz hoch

Ungleichheit zwischen Personen, starke hierarchische Strukturen, Zentralisierung der Macht, Privilegien und Statussymbole

Dimension 3

Unsicherheitsvermeidung schwach

Unsicherheiten sind unvermeidbar, normal, zu bewältigen, Flexibilität, Wohlbefinden

gegenüber

Unsicherheitsvermeidung stark

Angst vor Unsicherheiten, Veränderungen sind gefährlich, starke Regelorientierung, starres Festhalten an überkommenen Regeln

Dimension 4

Zeitorientierung langfristig

Sparsamkeit beim Umgang mit Ressourcen, Langfristigkeit von Zielen und Belohnungen

gegenüber

Zeitorientierung kurzfristig

sozialer Druck mithalten zu können, Konkurrenzkampf, schnelle Ergebnisse

Dimension 5

Genuss

Glück, Genuss und Lebensfreude, Freizeit und Spaß werden hochgeschätzt

gegenüber

Zurückhaltung

Genuss als Belohnung für Pflichterfüllung und Zurückstellen eigener Bedürfnisse

Dimension 6
Abbildung 3: Die sechs KulturdimensionenAnmerkung. Eigene Darstellung nach Thomas, 2018, S. 34 (basierend auf Hofstede et al., 2010, S. 297)

Die von Hofstede entwickelte Kulturtheorie lässt sich um die Ergebnisse der GLOBE-Studie erweitern. In ihr wurden Daten von 17.370 Managern und Managerinnen aus 951 Unternehmen und 62 Ländern ausgewertet. Mittels der GLOBE-Studie wurden zusätzliche Kulturdimensionen identifiziert, die als erweiterte Version der Kulturtheorie von Hofstede verstanden werden können und eine tiefere und umfassendere Analyse der kulturellen Unterschiede und ihrer Auswirkungen auf das Führungsverhalten und die Organisationen thematisieren (House, 2014):

  1. Zukunftsorientierung: Kulturen mit einer starken Zukunftsorientierung sind auf Innovation und Veränderung ausgerichtet, während konservative Kulturen eher Tradition und Kontinuität betonen.
  2. Leistungsorientierung: Kulturen mit einer starken Leistungsorientierung legen großen Wert auf Erfolg, Status und individuelle Leistung, während kollektivistische Kulturen eher Kooperation und Solidarität betonen.
  3. Humanorientierung: Kulturen mit einer starken Humanorientierung sind auf soziale Verantwortung und das Wohlergehen anderer ausgerichtet, während individualistische Kulturen eher auf persönliche Bedürfnisse und Eigeninteressen fokussiert sind.

Weiterhin sei hier auf die Studien von Hall und Trompenaars verwiesen. Sie erweitern die bestehenden Kulturdimensionen mit der Absicht, eine zusätzliche Differenzierung des Kulturbegriffs vorzunehmen.

So betont Hall die Relevanz einer kontextorientierten Kultur und einer entsprechenden Kommunikation. Diese beschreibt den Grad, in dem eine Kultur nonverbale, implizite und kontextbezogene Signale im Vergleich zu expliziten und direkten Kommunikationsformen bevorzugt und verwendet. (Hall & Hall, 2000, S. 28)

Die Raumorientierung einer Kultur beschreibt, wie Individuen ihre räumliche Umgebung wahrnehmen und gestalten. Ihre kulturelle Herkunft kann das Raumgefühl prägen und die Absicherung der räumlichen Sphären bestimmen. In interkulturellen Kontexten können unterschiedliche Vorstellungen bezüglich des persönlichen Raums zu Irritationen und Konflikten führen.

Die Kulturdimension Zeitorientierung unterscheidet zwischen monochronischen und polychronischen Kulturen. Monochrone Kulturen haben lineare Zeitabläufe, achten auf Arbeit und Zeitvorgaben. Polychrone Kulturen hingegen können gleichzeitig mehrere Aufgaben bewältigen. Während sie mit ihrer Zeit flexibel umzugehen verstehen, lassen sie sich jedoch leicht von externen Einflüssen ablenken und legen dabei großen Wert auf intersubjektive Beziehungen.

Die Informationsgeschwindigkeit in einer Kultur beschreibt die Geschwindigkeit, mit der eine Nachricht übermittelt, empfangen und bearbeitet wird. (Hall, 1990, S. 113–130)

Unter high context bzw. low context Kommunikation versteht Hall die unterschiedlichen Kommunikationsmuster, ihre jeweilige Dichte und Zielgerichtetheit. In Kulturen mit „high context“ Orientierung stehen soziale Kontakte im Vordergrund. Die Geschäftsbeziehungen bauen auf diesen auf und können somit Vertrauen und soziale Netzwerke nach sich ziehen. Kulturkreise, die auf eine solche Art und Weise kommunizieren, bedienen sich eher impliziter Sprachformen. „Low context“ beschreibt eine Kommunikationsform, bei der die Kontextinformationen nur von geringer Bedeutung sind. Geschäftsbeziehungen sind in diesem Kontext unpersönlicher und grenzen sich klar von privaten Kontakten ab. (Hall, 1989, S. 105–116)

Trompenaars entwickelte weitere kulturelle Ebenen, die ihrerseits auch das Dimensionen-Modell von Hofstede ergänzen:

  • Universalismus vs. Partikularismus: Diese Dimension beschreibt, inwiefern eine Kultur universelle oder situative Regeln und Normen bevorzugt.
  • Neutral vs. Emotional: Diese Dimension beschreibt, wie stark eine Kultur Emotionen ausdrückt und diese in der Kommunikation einsetzt.
  • Spezifisch vs. Diffus: Diese Dimension beschreibt, wie klar und abgegrenzt die Rollen und Beziehungen zwischen Menschen in einer Kultur sind.
  • Leistung vs. Status: Diese Dimension beschreibt, wie Status und Ansehen in einer Kultur definiert werden.
  • Interne Kontrolle vs. externe Kontrolle: Diese Dimension beschreibt, wie Kulturen den Einfluss der Umwelt auf das Leben wahrnehmen. Kulturen mit interner Kontrolle glauben, dass sie die Umwelt kontrollieren können, während Kulturen mit externer Kontrolle die Umwelt als selbstständiges Subjekt betrachten, mit dem man kooperieren sollte. (Trompenaars & Hampden-Turner, 2012, S. 31–49)

Die von Hofstede, House (GLOBE-Studie), Hall und Trompenaars entwickelten Kulturdimensionen sind für das Kulturverständnis notwendige, aber nicht hinreichende Differenzierung kultureller Haltungen, Erfahrungen und Ausdrucksweisen. Die von Thomas entwickelten Kulturstandards vermögen die Kulturdimensionen zu ergänzen und ihre Defizite zu kompensieren.

Kulturstandards nehmen Bezug auf Analysen von Konfliktsituationen, durch die die jeweilige kulturspezifische Art der Wahrnehmung, des Denkens, des Wertens, des Empfindens und des Handelns bestimmt werden können. Kulturstandards werden im Laufe der Sozialisation des Individuums erworben und verinnerlicht, sodass sie gleich einer unbewussten „Programmierung“ alle Handlungen steuern und prägen. Sie werden in ihrer kulturspezifischen Unterschiedlichkeit deutlich erkennbar, wenn sich Personen aus verschiedenen Kulturkreisen begegnen. Hierbei kommt es zum Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturstandards. Thomas geht davon aus, dass Personen, die eine Kultur teilen, die von ihnen vertretenen Einstellungen und Handlungen in der Regel wechselseitig kennen und akzeptieren. Somit lassen sich Maßstäbe für kulturell akzeptiertes Verhalten seitens internationaler Gesprächspartner ermitteln. (Thomas & Utler, 2010, S. 317–329)

Im Gegensatz zu der GLOBE-Studie und den Modellen der Kulturdimensionen von Hofstede, Hall und Trompenaars erweist sich das Modell der Kulturstandards als differenzierter, da zur Bestimmung von Kulturstandards eine Fülle von verschiedenen Faktoren einbezogen wird. Kultur ist für Thomas ein Orientierungssystem, das auf zentralen Orientierungsmerkmalen beruht. Kulturspezifische Handlungen werden als „Formen des Verhaltens“ bezeichnet, die dadurch charakterisiert sind, dass sie „[…] bewusst, zielgerichtet, erwartungsgesteuert, motiviert und reguliert sind“ (Thomas, 2003, S. 115).

Da im Zentrum dieser Arbeit die Voraussetzung, Entstehung und Bewältigung interkultureller Konflikte steht, wird im Folgenden der Blick auf die Ursachen, Konsequenzen und Muster der Konflikte geworfen. Hierzu wird neben der interkulturellen Distanz und der Stereotypenbildung dem Kulturschock eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei dient die theoretische Erörterung dieses Themenfelds dem Verstehen der möglichen Probleme im Arbeitsalltag.