Kapitel 2

2. Digitale Transformation

Die digitale Transformation und der soziale Wandel

Zum Verständnis der zentralen Thesen dieser Arbeit ist es notwendig, die entsprechenden Begrifflichkeiten vorzustellen und zu definieren. Dazu werden unterschiedliche Zugänge erörtert und angemessene Schlussfolgerungen gezogen.

Im folgenden Kapitel werden Konzepte und damit verbundene Begriffe der digitalen Transformation und des sozialen Wandels untersucht. Anschließend wird deren Interdependenz näher betrachtet.

Definition: Digitale Transformation

Der Begriff „digitale Transformation“ wird seit geraumer Zeit häufig sowohl in der Fachliteratur als auch in der Industrie verwendet. Von Forscherinnen und Forschern, Ökonomen bis zu Managerinnen und Managern wird er vielseitig interpretiert und unterschiedlich angewendet (vgl. Gorich, 2023; Grivas & Graf, 2020; Locher, 2024). Dabei hat der Begriff der digitalen Transformation einen inflationären Gebrauch erfahren, der dazu führt, dass dieser zunehmend unscharf und als Synonym für jegliche digitale Veränderung verwendet wird (vgl. Schallmo & Rusnjak, 2017, S. 3). Daraus resultiert, dass der Zusammenhang zwischen Digitalisierung und digitaler Transformation oftmals unzureichend definiert und theoretisch nicht ausreichend fundiert ist. Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) wird Digitalisierung definiert als die umfassende Vernetzung sämtlicher Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft sowie als die Fähigkeit, relevante Informationen zu sammeln, zu analysieren und in Handlungen zu überführen (vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2015, S. 3). Im Vordergrund steht hier die transformative Kraft der Digitalisierung, insbesondere im Hinblick auf Datenverarbeitung und Entscheidungsprozesse.

Die Digitalisierung, die sich primär auf der IT-, Prozess- und Produktebene vollzieht, stellt eine notwendige Grundlage für die digitale Transformation dar, ist jedoch nicht ausreichend, um einen umfassenden Wandel zu bewirken. Sie ist auf die technischen Veränderungen fokussiert, die durch den Einsatz digitaler Technologien herbeigeführt werden. In ihrem ursprünglichen und engeren Verständnis bedeutet dies die Erstellung digitaler Repräsentationen von physischen Objekten, Ereignissen oder analogen Medien. Der Begriff Digitalisierung umfasst somit eine Reihe von technologiebasierten Innovationen, wie etwa künstliche Intelligenz, Cloud Computing, Smart Homes, digitale Bezahlverfahren oder das Internet der Dinge (engl.: Internet of Things). (Vgl. Locher, 2024, S. 268)

Nach einer Initialisierungsphase der Digitalisierung können durch die Nutzung der neuen technischen Möglichkeiten potenziell neue Geschäftsmodelle entwickelt werden, die eine digitale Transformation einleiten (vgl. Lang, 2022, S. 1–3).

Im Gegensatz zur Definition des in dieser Arbeit angeführten Digitalisierungsbegriffs herrscht in der wissenschaftlichen Literatur keine Einigkeit über die genaue Definition des Begriffs „digitale Transformation“. Zudem werden die Begriffe „Digitalisierung“ und das „digitale Zeitalter“ oftmals synonym für digitale Transformation verwendet (vgl. Bloching et al., 2015, S. 4). Die digitale Transformation zielt auf die grundlegende Neugestaltung von wirtschaftlichen, sozialen und kommunikativen Modellen ab und nutzt digitale Technologien lediglich als Mittel, um tiefgreifende strukturelle Veränderungen umzusetzen (vgl. Locher, 2024, S. 267).

In der Literatur finden sich häufig vier ausgewählte Definitionen der digitalen Transformation, die in Tabelle 1 abgebildet sind.

Tabelle 1: Ausgewählte Definitionen der digitalen Transformation

QuelleDefinition
PricewaterhouseCoopers, 2013, S. 9 in Schallmo & Rusnjak, 2017, S. 4Die digitale Transformation beschreibt den „grundlegenden Wandel der gesamten Unternehmenswelt durch die Etablierung neuer Technologien auf Basis des Internets mit fundamentalen Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft“.
Bloching et al., 2015, S. 6„Digitale Transformation verstehen wir als durchgängige Vernetzung aller Wirtschaftsbereiche und als Anpassung der Akteure an die neuen Gegebenheiten der digitalen Ökonomie. Entscheidungen in vernetzten Systemen umfassen Datenaustausch und -analyse, Berechnung und Bewertung von Optionen sowie Initiierung von Handlungen und Einleitung von Konsequenzen.“
Kofler, 2018, S. 54„Die digitale Transformation, in einer gesamtgesellschaftlichen Betrachtung, ist allgegenwärtig und betrifft jeden Einzelnen – sie ist unumstößlich. Wir alle sind betroffen und treiben diese kontinuierliche Veränderung in unterschiedlichen Rollen (zum Beispiel als Kunden, Entwickler, Mitarbeiter, Wissenschaftler) aktiv und ohne vorhersehbares Ende voran.“
Wirtz, 2024, S. 803„Digitale Transformation kennzeichnet den grundlegenden Wandel und die Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu einem digitalbasierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Hierbei werden alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse durch digitale Technologien wesentlich unterstützt und gestaltet mit dem Ziel der Effizienz- und Effektivitätsverbesserung auf einem höheren Wohlfahrtsniveau.“

Laut PricewaterhouseCoopers bezeichnet die digitale Transformation den tiefgreifenden Wandel der Unternehmenswelt durch die Einführung neuer internetbasierter Technologien, die weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben. Der Fokus liegt somit auf der Implementierung neuer Technologien und deren gesellschaftlicher Einfluss. (Vgl. PricewaterhouseCoopers, 2013, S. 9; Schallmo & Rusnjak, 2017, S. 4)

Dem gegenüber definieren Roland Berger Strategy Consultants und der Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. die digitale Transformation als die Vernetzung aller Wirtschaftsbereiche und die Anpassung der Akteure an die Erfordernisse der digitalen Ökonomie. Im Mittelpunkt dieser Definition stehen der Datenaustausch, die Analyse und Bewertung von Optionen sowie die daraus resultierenden Handlungen und Konsequenzen. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf der Technologie, sondern auch auf den Entscheidungsprozessen in vernetzten Systemen. (Vgl. Bloching et al., 2015, S. 6)

Kofler versteht unter digitaler Transformation einen allgegenwärtigen, unumstößlichen Prozess, der jeden Einzelnen betrifft. Aus dieser Betrachtung geht hervor, dass alle Mitglieder der Gesellschaft in verschiedenen Rollen aktiv an dieser kontinuierlichen Veränderung teilnehmen. Ein absehbares Ende dieser Entwicklung ist nicht erkennbar. Der fortlaufende Charakter der Transformation wird betont, wobei eine Vielzahl an Akteuren diese vorantreibt. (Vgl. Kofler, 2018, S. 54)

Wirtz schließlich definiert die digitale Transformation als einen fundamentalen Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, der zu einem digitalbasierten System führt. Digitale Technologien spielen eine zentrale Rolle bei der Umgestaltung und Unterstützung aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse. Dabei ist ein Fokus auf die umfassende Integration digitaler Technologien zur Optimierung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Abläufe erkennbar. (Vgl. Wirtz, 2024, S. 803)

Wirtz‘ Definition erweist sich als besonders geeignet, um die digitale Transformation im Kontext dieser Arbeit zu beleuchten. Die Betonung der Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu einem digitalbasierten System bietet einen klaren Rahmen, um den Übergang von analogen zu digitalen Strukturen und dessen Auswirkungen auf Führungs- und Managementkonzepte wie „Digital Leadership“ zu analysieren. Sie verdeutlicht neben dem fundamentalen Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft auch die zentrale Rolle digitaler Technologien bei der Unterstützung und Neugestaltung sämtlicher Strukturen und Prozesse. Im Gegensatz zu den anderen Definitionen thematisiert Wirtz‘ Definition explizit das Ziel der Effizienz- und Effektivitätssteigerung sowie die Erhöhung des Wohlfahrtsniveaus. (Vgl. Wirtz, 2024, S. 803)

Die dieser Arbeit zugrundeliegende Definition von Wirtz umfasst die Auswirkungen der digitalen Transformation auf verschiedene gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche und dient daher als theoretische Grundlage für die weiteren Überlegungen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Gegenstand dieser Arbeit Bezug auf die sozioökonomische Entwicklung in modernen, westlichen Gesellschaften nimmt und nicht ohne Weiteres auf andere Gesellschaftsformen übertragen werden kann.

Da sich der digitale Wandel nicht auf eine einzelne Dimension beschränkt, sondern sich tief in sämtliche Bereiche von Unternehmen und Gesellschaft auswirkt, lässt sich Wirtz‘ Definition mit dem folgenden Modell ergänzen, das die möglichen Ausprägungen der digitalen Transformation auf Geschäftsmodelle beschreibt.

Unter einem Geschäftsmodell wird im Folgenden ein übergeordnetes Konzept verstanden, das „[…] alle Unternehmensaktivitäten und die relevanten unternehmerischen Erfolgsfaktoren abbildet […]“ (Wirtz, 2000, S. 82). Venkatraman bietet ein differenziertes Modell, das fünf Stufen der Transformation aufzeigt und den Veränderungsprozess von kleineren, lokal begrenzten Anpassungen bis hin zur Neudefinition des gesamten Geschäftsmodells abbildet (s. Abb. 1) (vgl. Venkatraman, 1994, S. 73–87).

Matrix der Stufen der digitalen Transformation von der evolutionären zur revolutionären Ebene: von Veränderungen im lokalen Anwendungsbereich über unternehmensweite Integration und Reorganisation von Kernprozessen bis zur Neudefinition des Produkt- und Leistungsprogramms.
Abbildung 1: Stufen der digitalen TransformationAnmerkung. Eigene Darstellung nach Venkatraman, 1994, S. 73–87; Giegler & Schneider, 2020, S. 7

Das Modell stellt die Stufen der digitalen Transformation dar und zeigt den Veränderungsprozess in Bezug auf das Potenzial und die Reichweite der Transformation. Die erste Stufe, „Veränderungen im lokalen Anwendungsbereich“, hat ein niedriges Potenzial und eine geringe Reichweite, da sie sich auf kleinere, spezifische Anpassungen beschränkt. Darauf folgt die „unternehmensweite Integration“, bei der Softwaresysteme auf der gesamten Unternehmensebene implementiert werden. Die dritte Stufe umfasst die „Reorganisation von Kernprozessen“, die eine grundlegende Umgestaltung der wesentlichen Geschäftsprozesse beinhaltet. Weiter oben in der Stufenfolge liegt die „Veränderung von Arbeitsteilung und Zusammenarbeit“, die sich auf die Neugestaltung der internen Strukturen und Kooperationsprozesse bezieht. Die höchste Stufe stellt die „Neudefinition des Produkt- und Leistungsprogramms“ dar, bei der das gesamte Angebot und die Wertschöpfungskette eines Unternehmens neugestaltet werden, was sowohl das höchste Potenzial als auch die größte Reichweite der Transformation aufweist. (Vgl. Venkatraman, 1994, S. 73–87)

Innerhalb des Modells erfolgt eine zusätzliche Unterteilung der Stufen in eine „evolutionäre“ und eine „revolutionäre“ Ebene. Die ersten beiden Stufen, „Veränderungen im lokalen Anwendungsbereich“ und „unternehmensweite Integration“, werden als evolutionär kategorisiert, da sie schrittweise Veränderungen darstellen und eine geringere Reichweite haben. Die letzten drei Stufen hingegen werden als revolutionär eingestuft, da sie tiefgreifende strukturelle Veränderungen und eine grundlegende Neugestaltung des Unternehmensmodells und der Wertschöpfung nach sich ziehen. Diese revolutionären Stufen weisen ein höheres Potenzial auf, um die angestrebten Ziele der Effizienz- und Effektivitätssteigerung zu erreichen. Gleichermaßen verfügen sie über eine größere Reichweite und sind wesentlich disruptiver in ihrer Wirkung.

Neben den wirtschaftlichen Auswirkungen ist die Untersuchung der gesellschaftlichen Folgen der digitalen Transformation aufschlussreich, da sie der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem sozialen Wandel und der digitalen Transformation nachgeht. Im folgenden Kapitel wird der Begriff des sozialen Wandels definiert und in einen Zusammenhang mit möglichen Wechselwirkungen gestellt.

Definition: Sozialer Wandel

Als sozialer Wandel (auch: gesellschaftlicher Wandel) werden die Veränderungen bezeichnet, die innerhalb einer Gesellschaft über einen längeren Zeitraum vor sich gehen. Er bezieht sich auf die Veränderungen hinsichtlich der Sozialstruktur, der Bevölkerungsstruktur, des Zusammenlebens, der Normen und Werte, der Kommunikationsformen, Rollen, Denkweisen, Institutionen und Organisationen und der Technologien. (Vgl. Beckmann et al., 2017a, S. 4) Ziel der Darstellung des sozialen Wandels sind weniger die hier erwähnten Einzelfaktoren, sondern die gesamte Veränderung der Struktur der Gesellschaft (vgl. Beckmann et al., 2017a, S. 3).

Sozialer Wandel kann harmonisch vonstattengehen, doch in den meisten gesellschaftlichen Prozessen, die den Wandel vorantreiben und gestalten, bedarf es sowohl politischer als auch juristischer Entscheidungen und Steuerungsmechanismen, die für die Regulierung der Veränderungen verantwortlich sind (vgl. Goetze, 1997, S. 380–384). Begriffe, die den sozialen Wandel in seinen Differenzierungen beschreiben, lauten „Entwicklung“, „Modernisierung“ oder „Transformation“. Hierdurch wird deutlich, dass sozialer Wandel nicht eindimensional verläuft, sondern ein Bündel von Faktoren betrifft. Neuere Theorien (vgl. Castells, 2017b; Hradil, 2001; Reckwitz & Rosa, 2021) verlagern den Schwerpunkt ihrer Betrachtungen auf den Übergang von der industriellen zur postindustriellen, informationellen Gesellschaft, die sich insbesondere mit Fragen der Gerechtigkeit und der Integrationskraft sozialstaatlicher Regelungen befassen.

Der Begriff des „sozialen Wandels“ hat in der Soziologie als Wissenschaft der westlichen modernen Gesellschaft eine zentrale Funktion. Er beschreibt die eigene gesellschaftliche Entwicklung von der Vormoderne zur Moderne. (Vgl. Goetze, 1997, S. 380–381)

Der unübersehbare soziale Wandel der vergangenen Jahrzehnte hat zu einem rasanten Bedeutungszuwachs des Digitalen und dem damit einhergehenden technologischen Wandel geführt. Dieser Prozess ist geprägt von zahlreichen gesellschaftlichen Krisenphänomenen. Er ist gekennzeichnet durch auffallende Defizite im Bereich der digitalen Infrastruktur und der barrierefreien Kommunikation in zahlreichen wirtschaftlichen Sektoren, im Bildungswesen und in der Administration. Dies ist umso auffälliger als digitale Medien seit geraumer Zeit zunehmend die Kommunikationsstrukturen beeinflussen und prägen. Bereits in den 1980er Jahren setzte diese Entwicklung ein, als die Nutzung von Computern sowohl im Privatleben als auch in der Arbeitswelt üblich wurde und auf eine große Akzeptanz stieß. Die Etablierung des Internets sowie die Einführung internetfähiger Mobilgeräte markierten einen grundlegenden Wandel in verschiedenen Bereichen, darunter Kommunikation, Dienstleistungen, Produktion, Wissenschaft und Militär. (Vgl. Thönnessen, 2020, S. 28)

Die durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen und Krisen begründeten Veränderungen finden ihren Ausdruck in der Verbreitung der digitalen Transformation, die wiederum Konsequenzen für alle gesellschaftlichen Funktionssysteme nach sich zieht (vgl. Kofler, 2018, S. V).

Es bestehen zahlreiche Definitionen und Begriffsklärungen, die den Anspruch erheben „sozialen Wandel“ zu erklären (vgl. Müller & Schmid, 1995; Reißig, 2009; Schrader, 2024). Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Einsicht, dass die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen als sozialer Wandel bezeichnet werden kann. Sozialer Wandel kann auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen festgestellt werden: auf der Makroebene sozialer Strukturen in den Bereichen Kultur, Gesellschaft und Staat; auf der Mesoebene der Organisationen, Institutionen und Netzwerke und auf der Mikroebene, in der das Handeln einzelner Akteure im Fokus steht. (Vgl. Biermann et al., 2013, S. 185)

Ein Blick in die soziologische Literatur der letzten Jahrzehnte verweist auf ein grundlegendes Verständnis des sozialen Wandels. Die nachfolgende Tabelle bietet einen Überblick über die zentralen Definitionen, die trotz technologischer Entwicklungen nur marginale Modifikationen erfahren haben.

Tabelle 2: Ausgewählte Definitionen des sozialen Wandels

QuelleDefinition
Parsons, 1979, S. 43„Wir definieren einen Wandel in der Struktur eines sozialen Systems als Wandel seiner normativen Kultur. Wenn wir die oberste Ebene sozialer Systeme betrachten, handelt es sich um einen Wandel des gesamtgesellschaftlichen Wertsystems.“
Jäger, 1981, S. 21Zum sozialen Wandel zählt „ökonomischer und technologischer Wandel ebenso wie Wandel im Wertesystem, sozialstruktureller Wandel, Wandel im Bildungssystem und politischer Wandel“.
Schrader, 2024, S. 13„Als Sozialer Wandel (Gesellschaftlicher Wandel) werden die Veränderungen bezeichnet, die innerhalb einer Gesellschaft über einen längeren Zeitraum vor sich gehen. Er bezieht sich auf die Veränderungen der Sozialstruktur, der Bevölkerungsstruktur, des Zusammenlebens (Familienstruktur) der Normen und Werte, der Kommunikationsformen, Rollen, Denkweisen, Institutionen und Organisationen, der Technologien usw..“

Die soziale Struktur einer Gesellschaft ist nicht statisch; sie befindet sich vielmehr in einem Prozess der kontinuierlichen Veränderung und Entwicklung (vgl. Roth, 2001, S. 1672–1673). Die Analyse der Sozialstruktur versteht sich daher als ein Einblick in die sie beeinflussenden sozialen Prozesse. Eine breit gefächerte Analyse der Sozialstruktur konzentriert sich demnach darauf, den Wandel dieser Struktur zu verdeutlichen.

Die mit der Analyse des sozialen Wandels verbundenen Herausforderungen sind allerdings so komplex, dass sich eine spezielle „Soziologie des sozialen Wandels“ herausgebildet hat (der Begriff wird zumeist zurückgeführt auf Ogburn, 1922). Die soziologische Theorie des sozialen Wandels fragt nach der Entwicklung und dem Aufbau der Sozialstruktur. Zugleich hat sie den Anspruch, den Wandel der Sozialstruktur von Gesellschaften oder einzelnen sozialen Systemen vorherzusagen. Die Theorie tut sich jedoch schwer mit der Erklärung von Entwicklungen, die nicht kontinuierlich und linear verlaufen. Doch ist es empirisch und theoretisch nicht ohne Weiteres erklärbar, ob sich ein bestimmtes soziales System bzw. die ganze Gesellschaft in einem relativ schnellen oder eher langsamen Wandel befindet. Erschwerend kommt hinzu, dass die einzelnen Bereiche der Sozialstruktur unterschiedliche Entwicklungsdynamiken und Abläufe aufzeigen. (Vgl. Goetze, 1997, S. 380) In sozialwissenschaftlichen Theorien, die sich mit dem sozialen Wandel befassen, lassen sich mehrere Ansätze finden.

So wissen wir nicht, unter welchen Bedingungen soziale Systeme in welcher Weise auf grundlegende Kontinuitätsbrüche reagieren, ob mit Zerfall, Innovation oder mit der Wiederherstellung des alten Zustandes. Da es keine universalistische Theorie sozialen Wandels gibt, deren Erklärungsanspruch in der Soziologie unangefochten wäre, müssen wir uns mit einer Mehrzahl von Theorien und Theorietraditionen befassen, die zum Verstehen und zur Erklärung von sozialem Wandel beitragen. (Weymann, 1998, S. 17–18)

Im folgenden Abschnitt wird die Aufmerksamkeit auf die Dynamik des sozialen Wandels in Anbetracht der gesellschaftlichen Umwälzungen durch die digitale Transformation gelenkt.

Sozialer Wandel im Kontext der digitalen Transformation

Es besteht eine enge Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Prozessen, die den sozialen Wandel vorantreiben und dem digitalen Transformationsprozess (vgl. Schrape, 2021, S. 7). In westlichen Gesellschaften hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass die Organisation des Wirtschafts- und Arbeitslebens nach rationalen Kriterien der Produktivität und der Effizienz zu bewerten sei. Die digitale Transformation durchdringt auf eine irreversible Weise Denk- und Arbeitsformen in wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Sphären (vgl. Grivas & Graf, 2020, S. 143). Die Struktur und die Geschwindigkeit des sozialen Wandels beeinflussen die praktische Gestaltung der digitalen Transformation.

Im Folgenden wird die Wirkkraft der digitalen Transformation exemplarisch im Kontext der modernen Arbeitswelt erörtert.

Der erkennbare digitale Transformationsschub in unterschiedlichen Berufsbereichen erfordert eine fachliche Qualifizierung der praxisbezogenen Aus- und Weiterbildung. Die Anforderung an einen veränderten Kompetenzrahmen für zahlreiche Funktionsbereiche, die die Konsequenzen des digitalen Wandels begleiten und durchsetzen, führt auch zu einem veränderten professionellen Selbstverständnis (vgl. Reckwitz, 2023, S. 243). Letzteres wird sich in Anbetracht der fachlichen Neuorientierung zunehmend ausdifferenzieren. Diese Entwicklung führt zu Verunsicherung, da sie „Unbestimmtheitsfelder“ schafft (Marotzki & Jörissen, 2009, S. 20). Sie stellt vertraute, zumeist statisch definierbare, betriebliche Abläufe und deren voraussehbaren Auswirkungen in Frage.

Das rasante Zusammenspiel von technologischen Veränderungen und den gesellschaftlichen Folgen des digitalen Transformationsprozesses bedingt die Notwendigkeit von Modifikationen der Arbeitswelt. Diese sind erforderlich, um auf ein sich permanent veränderndes Organisations- und das daraus resultierende Praxisverständnis angemessen reagieren zu können. (Vgl. Schrape, 2021, S. 7)

Die digitale Transformation hat sich zu einem integralen Bestandteil des gesellschaftlichen Wandels entwickelt. Sie nimmt Einfluss auf Kommunikationsmuster und berufliche Herausforderungen. Zugleich werden Digitalisierungsdiskurse geführt, die deutlich machen, welche Folgen die digitale Transformation für die unterschiedlichen Sphären der Arbeitswelt aufweisen. Die digitale Transformation als technisch-rationale Realität wirkt sich auch auf die individuellen, sozialen und beruflichen Orientierungen aus, da sie zunehmend zu einer Leitidee moderner Gesellschaften geworden ist. (Vgl. Grivas & Graf, 2020, S. 143–144)

Die digitale Transformation „beeinflusst, wie wir lernen, arbeiten, kommunizieren, konsumieren und unsere Freizeit gestalten, kurz gesagt: wie wir im Alltag leben und wirken“ (Müller-Brehm et al., 2020, S. 4). In zahlreichen sozialpolitischen Debatten wird diesem Transformationspotenzial Rechnung getragen (vgl. Block et al., 2022; HolonUnity, 2024; Seliger, 2022).Insgesamt lässt sich feststellen, dass die digitale Transformation in den fachwissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen in einen Zusammenhang mit sich wandelnden sozialen Prozessen gestellt wird (vgl. Nassehi, 2021; Stalder, 2023; Wilmers et al., 2023). Die „soziotechnische Konstellation“ führt auch zu tiefgreifenden Veränderungen ethischer, politischer und rechtlicher Auffassungen (Block et al., 2022, S. 7). Die Komplexität der beschriebenen Transformation wirft Fragen auf, die im Rahmen eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses geklärt werden können.

Die digitale Transformation kann vor diesem Hintergrund in ein Konzept langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungslinien eingebunden werden, in das Innovation und Fortschritt als konstitutiv für das gesellschaftliche Lebens gesehen werden (vgl. Schrape, 2021, S. 7). „In Phasen des fundamentalen Umbruchs werden technische Strukturen, ihre Entwicklungsbedingungen und ihre Effekte zu einem sichtbaren Gegenstand der öffentlichen Diskussion, bevor sie mit der Zeit zu einer Selbstverständlichkeit in der Lebenswelt avancieren“ (Schrape, 2021, S. 10).

Der Soziologe Reckwitz sieht daher in der digitalen Transformation ein erweitertes Verständnis von Technik, da sie den Gegensatz von Technik und Kultur aufhebt. Dies führt dazu, dass die digitale Transformation in ein kulturelles Umfeld eingewoben wird. „Die Technik wird sukzessive selbst zu einem Instrument kultureller Wertschöpfung und Reflexion“ (Reckwitz, 2023, S. 227).

Folgt man den Ausführungen Reckwitz‘ ermöglicht die digitale Transformation eine weit verbreitete und attraktive Form der Selbstverwirklichung durch Teilhabe am digitalen Diskurs. Sie ermöglicht es, eine authentische Einzigartigkeit unter Beweis zu stellen. Der Mensch „macht sein interessantes Leben sichtbar (zum Beispiel über Instagram und andere soziale Medien) und verwandelt es dadurch in seinen Elementen oder sogar als Ganzes im Rahmen einer Aufmerksamkeitsökonomie […]“ (Reckwitz, 2019, S. 217).

Der digitale Transformationsprozess hat weitgehende Auswirkungen auf die Arbeitswelt. So kann menschliche Arbeit in Form manueller Tätigkeiten, die diesem Wandel unterliegen, drastisch reduziert werden. Kommunikationsmuster und interdisziplinäre Aufgaben werden ebenfalls einer Veränderung unterzogen, die auf der Grundlage einer flachen Hierarchie und größerer Eigenverantwortung basieren. (Vgl. Thönnessen, 2020, S. 39) Es lassen sich auch beachtliche Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz und der Datenaggregation feststellen. Diese konkurrieren immer öfter mit der intellektuellen Erkenntnis- und Leistungsfähigkeit des Menschen (vgl. Bausch, 2024, S. 40).

Die zu beobachtenden Transformationen auf dem Arbeitsmarkt spiegeln die drängendsten Herausforderungen des sozio-technologischen Wandels wider. In ihrer Untersuchung zu den voraussichtlichen Folgen des digitalen Transformationsprozesses haben Frey und Osborne eine Studie veröffentlicht, in der sie antizipieren, dass in einem Zeitraum von 10 bis 20 Jahren rund 70 % aller Berufe weltweit und 47 % der Berufe in den USA von dem genannten Transformationsprozess betroffen sein werden. (Vgl. Frey & Osborne, 2013, S. 38–39)

Gleichwohl deuten neuere Untersuchungen darauf hin, dass eine hohe Automatisierungswahrscheinlichkeit nicht zwangsläufig zu einem proportionalen Rückgang der Beschäftigung führen muss. So hat eine im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) erstellte Kurzexpertise des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) die Befunde von Frey und Osborne auf den deutschen Kontext übertragen und festgestellt, dass rund 42 % der Beschäftigten hierzulande in Berufen mit hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit tätig sind. Das ZEW betont jedoch, dass betriebswirtschaftliche Abwägungen, organisatorische Anpassungsprozesse und die Schaffung neuer Tätigkeitsfelder den tatsächlichen Effekt auf die Beschäftigten erheblich relativieren können. (Vgl. Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, 2015, S. i–ii)

Diese Einschätzung wird durch Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bestärkt, das bis 2035 zwar einen Abbau von etwa 1,5 Millionen Arbeitsplätzen erwartet, jedoch prognostiziert, dass im gleichen Zeitraum nahezu ebenso viele neue Stellen entstehen werden (vgl. Zika et al., 2018, S. 1–2). Damit erweist sich die Digitalisierung nicht als bloßer Treiber von Arbeitsplatzverlusten, sondern als Motor für die Reorganisation bestehender Berufsbilder und die Herausbildung neuer Tätigkeitsfelder. Infolgedessen unterliegt die Arbeitswelt einem tiefgreifenden Wandel, der sich auf betriebliche Strukturen ebenso auswirkt wie auf das individuelle Qualifikationsprofil der Erwerbstätigen. (Vgl. Herzog, 2019, S. 9)

Derartige strukturelle Verschiebungen haben nachhaltige Konsequenzen für die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Darüber hinaus kommt es zu Veränderungen der Wertschöpfungsprozesse in den meisten Branchen. (Vgl. Srnicek, 2018, S. 52)

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der digitale Transformationsprozess mit weitreichenden Veränderungen in nahezu sämtlichen Bereichen der alltäglichen Lebensführung einhergeht. Die Herausforderungen beziehen die Bereiche der technologischen, ökonomischen, rechtlichen, politischen, ethischen und bildungsbezogenen Entwicklung und Entfaltung ein. Die Bewältigung dieser Aufgaben erfordert ein hohes Maß an Bereitschaft, sich den Vorgaben und Resultaten des gesellschaftlichen Wandels zu stellen. Erkennbar ist eine wechselseitige Durchdringung der Dynamik des sozialen Wandels und der digitalen Transformation: sozialer Wandel und digitale Transformation begründen und beeinflussen sich gegenseitig. Die Zukunft wird erweisen, ob die Weiterentwicklung dieses Prozesses sich bewährt oder ob sie an Grenzen stößt.

Vorbehalte gegen die digitale Transformation

Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Auswirkungen der digitalen Transformation führen zu einer intensiven Befassung mit dem Zusammenhang von technologischen Innovationen und dem sozialen und kulturellen Wandel. Im Rahmen dieses Diskurses werden immer wieder Positionen laut, die einen gesamtgesellschaftlichen Blick auf die beschriebenen Entwicklungen werfen und zu dem Schluss kommen, dass es notwendig ist, eine umfassende und (selbst-) kritische Einschätzung der Folgen des Transformationsprozesses vorzunehmen.

Im folgenden Exkurs werden Vorbehalte gegenüber der digitalen Transformation beleuchtet. Dabei steht zunächst der Spannungsbogen zwischen Ambivalenz und Kulturpessimismus im Fokus, während die Herausforderungen der digitalen Transformation für die liberale Demokratie anschließend analysiert werden.

Zwischen Ambivalenz und Kulturpessimismus

Der Einfluss, den die digitale Transformation auf Kultur und Gesellschaft ausübt, ist erheblich. Er führt infolge der Wechselwirkung von technologischen und sozialen Entwicklungen zu einem breit angelegten Strukturwandel. Neben den erwähnten produktiven, kreativen und ökonomisch wirksamen Aspekten dieses Prozesses sollten an dieser Stelle auch Vorbehalte und kritische Stimmen Beachtung finden. Letztere verweisen auf die Gefahren und unerwünschten Begleiterscheinungen einer umfassenden digitalen Modernisierung. Die Einwände beruhen in der Regel auf kulturpessimistischen Haltungen, die entschiedene Bedenken in Anbetracht möglicher Konsequenzen der gegenwärtigen technologischen Entwicklungen zum Ausdruck bringen (vgl. Block et al., 2022, S. 7–8). In diesen Ansätzen spiegelt sich die Befürchtung wider, dass die digitalen Infrastrukturen eine kaum noch zu kontrollierende soziale Wirkmacht entfalten und die Auflösung bestehender Ordnungen begünstigen (vgl. Mau, 2017, S. 46).

Der Soziologe Mau sieht in der „Kultur der digitalen Transformation“ einen Ausdruck der Deformation der Gesellschaft „zu einer datengetriebenen Prüf-, Kontroll- und Bewertungsgesellschaft“ (Mau, 2017, S. 46). Der Begriff „Kultur der digitalen Transformation“ beschreibt die grundlegenden Veränderungen von Werten, Normen, Praktiken und Lebensweisen, die durch die zunehmende Integration digitaler Technologien in nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens entstehen (vgl. Mau, 2017, S. 46–47). Zwar verweist Mau auf die technologischen Fortschritte, die zu einer allmählichen Unabhängigkeit von räumlich-territorialen und „mobilitätsbezogenen Begrenzungen“ (Mau, 2017, S. 99) führen, macht aber gleichzeitig auf die Gefahr der „Mobilitätssteuerung und Kontrolle“ (Mau, 2021, S. 154) aufmerksam.

Baecker geht sogar davon aus, dass die Wirkmacht der „Netzwerkgesellschaft“ (Castells, 2017a) zu einer Umgestaltung der sozialen und kulturellen Spielräume führt. Dadurch sieht er das inklusive Paradigma moderner, funktional differenzierter Gesellschaften herausgefordert. (Vgl. Baecker, 2019)

Anhand der genannten Positionen lässt sich feststellen, dass die Kritik weniger auf spezifische Einzelfälle fokussiert ist, sondern vielmehr auf die zugrundeliegenden Muster, Strukturen und Regeln der Digitalisierung abzielt. Diese Strukturen manifestieren sich in der sogenannten „technischen Überlegenheit“ neuer Datenverarbeitungstechnologien, die es ermöglichen, umfangreiche Datenmengen über die Gesellschaft nicht nur zu erfassen und zu speichern, sondern auch aktiv zu nutzen (Mau, 2017, S. 40).

Laut den Kritikern operieren die Technologien mit starren und unbeugsamen Abläufen, die zu einem „Verkümmern“ des freien gesellschaftlichen und kulturellen Lebens führen können (Schinzel, 2022). Die technologischen Verfahren bieten nur eingeschränkt die Möglichkeit, lebensweltliche Phänomene angemessen abzubilden. Obwohl die neuen Systeme in der Lage sind, das individuelle Verhalten zu erfassen, transformieren sie diese Erkenntnisse in standardisierte Verhaltensmuster. Das daraus resultierende Abbild der Gesellschaft ist durch die zugrundeliegenden Prozesse möglicherweise verzerrt und schematisiert. (Vgl. Pörksen, 2020, S. 10)

Infolgedessen wird menschliches Verhalten und Erleben kontinuierlich durch diese Verfahren „gegängelt“ und antizipiert (Pörksen, 2020, S. 10). Das Leben wird dadurch berechenbar und reduziert sich auf vorgegebene Wahlmöglichkeiten, die keine echten Entscheidungen mehr zulassen. Aus einer übergeordneten Perspektive betrachtet, erscheint diese Entwicklung als eine „Mathematisierung der Welt“, die in der Berechenbarkeit und Machbarkeit sozialen Verhaltens gipfelt (Pörksen, 2020, S. 10). Die Vieldeutigkeit menschlichen Verhaltens wird dabei negiert und zu einer Ressource der digitalen Machtausübung degradiert (vgl. Pörksen, 2020, S. 10–11).

Hieraus folgt, dass die Technik auf der Grundlage ihres Gebrauchs eine Eigenlogik entwickelt, die sich nicht allein am menschlichen Willen orientiert. Dahinter steht die Vorstellung einer „sich selbst antreibenden Technologie“ (Simanowski, 2021, S. 98). Nassehi folgert daraus, „dass dem Menschen gar nichts anderes übrig bleibt, als in die Verwertungskategorien des technischen Zeitalters hineingezogen zu werden“ (Nassehi, 2021, S. 86).

Die umfassende Wirksamkeit der Digitalisierung, der Vernetzung und der kommunikativen Praktiken beeinflussen demzufolge das Denken sowie das Verhalten von Individuen und den sozialen Wandel. Das vollzieht sich unabhängig von dem jeweiligen Inhalt. Simanowski kommt zu dem Schluss, dass „der Mensch nicht die treibende Kraft“ ist, sondern getrieben wird (Simanowski, 2021, S. 98). Dieser Kontrollverlust ist in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen erkennbar und geht mit der Fortschrittsdynamik einher. Gleichwohl ist der Mensch „nicht in der Lage, auf weitere Erfindungen zu verzichten“ (Simanowski, 2021, S. 50).

In Anbetracht dieses Dilemmas wächst die Einsicht, dass trotz dieser Vorbehalte und der ihr zugrunde liegenden Infragestellung der Errungenschaften der liberalen Gesellschaft die digitale Transformation nicht mehr aufzuhalten ist.

Ausgehend von dieser Einsicht wird im folgenden Abschnitt der Einfluss der digitalen Transformation auf die demokratischen Strukturen unserer Gesellschaft reflektiert.

Digitale Transformation und ihre Herausforderungen für die liberale Demokratie

Eine umfassende Analyse der zahlreichen Publikationen zur digitalen Transformation macht auf zunehmende Spaltungsprozesse in der Öffentlichkeit aufmerksam (vgl. Han, 2021; Kucklick, 2015; Seemann, 2021). Diese Öffentlichkeit sieht sich einer unaufhörlichen Flut von Informationen und nahezu unbegrenzten Möglichkeiten zur interaktiven Vernetzung und Kommunikation gegenüber. Han verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass „digitale Schwärme kein verantwortliches, politisch handelndes Kollektiv [bilden]“ (Han, 2021, S. 40). Der gesellschaftliche Zerfallsprozess wird von Neuberger wie folgt beschrieben:

Beklagt werden unter anderem die Verrohung öffentlicher Diskurse (Hate Speech), eskalierende Kommunikationsdynamiken (Shitstorms), Verstöße gegen das Wahrheitsgebot (Fake News) und die Verbreitung irrationaler Verschwörungstheorien, Ungleichheiten in der Nutzung des Internets (digitale Spaltung), die algorithmische Manipulation der öffentlichen Meinungsbildung (Social Bots) sowie der Zerfall einer geteilten Öffentlichkeit (Echokammern, Filterblasen). (Neuberger, 2022)

Die Präsenz digitaler Technik durchdringt gemäß dieser Sichtweise die kommunikativen Interaktionen und vermag Überzeugungen und Verhaltungsweisen grundlegend zu verändern. Die Grenzen zwischen der sozialen Wirklichkeit, dem algorithmisch konstruierten Weltbild und der entsprechenden Software verschwimmen. Die Verwendung moderner Kommunikationstechnologien suggeriert eine Unabhängigkeit von räumlicher und örtlicher Gebundenheit, wodurch sie ihrerseits einen „physischen und kulturellen Raum mitproduziert“ (Bridle, 2019, S. 51).

Bridle kommt zu dem Schluss, dass „die Computerisierung letztlich das, was sie abbilden und gestalten will, übernimmt. Google wollte das gesamte menschliche Wissen erschließen und wurde zur Quelle und zum Vermittler dieses Wissens. Es wurde, was die Menschen tatsächlich denken. Facebook wollte die Verbindung zwischen Menschen – den sozialen Graphen – analysieren und wurde zur Plattform für diese Verbindungen, womit es die gesellschaftlichen Beziehungen unwiderruflich umgestaltet“ (Bridle, 2019, S. 51).

Die mit der Digitalisierung verbundenen Abläufe bringen umfassende Veränderungen mit sich. Diese Transformationen reichen bis in die grundlegende Wissensarbeit hinein und deuten auch dort auf weitgehende Umwälzungen hin. Es sind nicht nur handwerkliche Tätigkeiten, die der Automatisierung unterliegen. Die Fortschritte in der künstlichen Intelligenz beginnen ebenfalls, mit der intellektuellen Erkenntnis und der Leistungsfähigkeit des Menschen zu konkurrieren. (Vgl. Bridle, 2019, S. 51–52)

Völlig konträr zu dieser Argumentation beschwören Vertreter der digitalen Revolution die Chancen der Digitalisierung in Hinblick auf die individuelle und gesellschaftliche Emanzipation. Sie sehen in der digitalen Transformation die Möglichkeit, die Welt durchschaubarer, verständlicher und wirkungsvoller zu gestalten und Komplexität zu reduzieren. (Vgl. Stöcker, 2020, S. 167–168)

Die „Lagerbildung“ zwischen radikalen Kritikern und euphorischen Befürwortern der digitalen Transformation erschwert eine produktive Auseinandersetzung um die Gestaltung dieses Prozesses. Die unterschiedlichen Positionen haben nur wenige Berührungspunkte und lassen sich daher nur teilweise moderieren. (Vgl. Han, 2021, S. 50).

Der Medienwissenschaftler Bruns kritisiert die erwähnten zuwiderlaufenden Einschätzungen, da sie seiner Ansicht nach die komplexe Konzeption der menschlichen Identität nicht adäquat erfasst. Er rezipiert sie als vereinfachende Darstellung der Wirklichkeit, da die menschliche Existenz deutlich facettenreicher angelegt ist. (Vgl. Bruns, 2019, S. 94)

Es lässt sich also feststellen, dass die digitale Transformation sowohl aus technischer als auch aus erkenntnisleitender Sicht eine innovative Art und Weise des Verstehens eröffnet. Dieses ist eng mit der Logik digitaler Wahrnehmungs- und Strukturierungsmuster verbunden und bietet neue Ansätze zur Erfassung und Deutung der Realität. Aus einer analytischen Sichtweise ist es daher ratsam, den Prozess der digitalen Transformation keineswegs als einen zivilisationsgeschichtlichen Verfallsprozess zu betrachten oder sich ausschließlich auf die negativen Aspekte zu konzentrieren, sondern das kreative Potenzial zu erkennen, das er mit sich bringt. Die gesellschaftlichen Auswirkungen treten nicht einfach kausal auf, sondern können beeinflusst und gesteuert werden. Ihnen liegt ein Gestaltungsauftrag zugrunde, der ökonomische, juristische, ethische und bildungsbezogene Herausforderungen umfasst. (Vgl. Fromhold-Eisebith et al., 2019, S. 1; Nassehi, 2021, S. 67)

Der Soziologe Nassehi ist vor diesem Hintergrund angetreten, „eine soziologische Theorie der digitalen Gesellschaft zu formulieren, die es erlaubt, den gesellschaftlichen Ort des Digitalen systematisch auf den Begriff zu bringen“ (Nassehi, 2021, S. 318). Er geht in seinen Überlegungen der Frage nach, welche Anschlussmöglichkeiten die Digitalisierungsprozesse für gesellschaftliche Problemkonstellationen anbieten und wodurch sie sich sozial bewähren und gesellschaftlich verankern könnten. Sein Fokus liegt auf den Ursachen für den Erfolg der digitalen Transformation, weniger auf den damit verbundenen Reibungsverlusten. Er geht nicht der Frage nach „was die Digitalisierung ist, sondern, was sie tut“ (Nassehi, 2021, S. 18) und „welches Problem sie dabei löst“ (Nassehi, 2021, S. 38). Mit dieser Sichtweise vermag er zu erkunden, wie die digitale Transformation eine breite gesellschaftliche Akzeptanz erfährt und in vielfältigen Bereichen der Gesellschaft anschlussfähig bleibt.

Das Kennenlernen digitalen Denkens und Handelns ist am ehesten in Wirtschaftsunternehmen möglich. Denn dort werden Konzepte entwickelt, deren Umsetzung die Steigerung der Effizienz und der Produktivität auf der Grundlage moderner ökonomischer und technologischer Grundsätze verspricht. Hierzu ist es notwendig, infrastrukturelle Voraussetzungen zu schaffen, die eine Digitalisierungsinitiative der Unternehmen vorantreibt. Daher widmet sich der folgende Abschnitt den infrastrukturellen und technologischen Anforderungen an Wirtschaftsunternehmen zum Erreichen dieses Ziels.

Digitale Transformation der Wirtschaftsunternehmen

Der „Future of Jobs Report 2025“, veröffentlicht vom World Economic Forum, stellt die methodische Grundlage für die Analyse der Folgen der digitalen Transformation für die Unternehmenslandschaft dar. Die Erhebung umfasst über 1.000 weltweit führende Arbeitgeber, die zusammen mehr als 14 Millionen Beschäftigte in 22 Branchenclustern und 55 Volkswirtschaften repräsentieren. Ziel der Studie war es unter anderem, die Auswirkungen bedeutender Makrotrends auf Arbeitsmärkte und Unternehmen zu untersuchen – darunter technologische Innovationen, der grüne Wandel, wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Spannungen und demografische Verschiebungen. (Vgl. World Economic Forum, 2025, S. 4–5)

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass insbesondere der Trend zur Erweiterung des digitalen Zugangs (engl.: Broadening Digital Access) als zentraler Treiber der Transformation angesehen wird. Dabei bezieht sich dieser Begriff auf die zunehmende Verfügbarkeit und Nutzung digitaler Technologien und Infrastrukturen. Diese bieten Unternehmen die Möglichkeit, Geschäftsprozesse zu digitalisieren, neue Technologien zu integrieren und globale Märkte zu erschließen. Dieser Aspekt wurde von 60 % der befragten Unternehmen als entscheidend für die Umgestaltung ihrer Geschäftsmodelle hervorgehoben. (Vgl. World Economic Forum, 2025, S. 10–11)

Das folgende Kapitel widmet sich der digitalen Transformation von Wirtschaftsunternehmen. Zunächst werden die infrastrukturellen und technologischen Voraussetzungen benannt, über die die Unternehmen verfügen, bevor die treibenden Kräfte sowie die normativen Grundlagen dieses Wandels analysiert werden.

Infrastrukturelle und technologische Anforderungen

Die Begriffe „digitale Disruption“ und „digitale Neuerfindung“ sind zentrale Elemente der aktuellen Diskussion über die digitale Transformation der Unternehmenswelt (vgl. Thönnessen, 2020, S. 33). Sie stehen für tiefgreifende Transformationen, welche die Gestaltung bestehender Geschäftsmodelle und ganzer Wirtschaftszweige nachhaltig verändern. Die Digitalisierung beeinflusst nicht nur einzelne Abläufe, sondern auch komplette Wertschöpfungsketten, wodurch neue Marktstrukturen und Wettbewerbsbedingungen entstehen (vgl. Grivas & Graf, 2020, S. 145). Die genannten Entwicklungen werden durch das veränderte Konsumverhalten und die zunehmende Verlagerung hin zu digitalen Dienstleistungen angetrieben. Zudem fördert der technologische Fortschritt neue Möglichkeiten zur Gestaltung und Optimierung wirtschaftlicher Prozesse. (Vgl. Deloitte Digital GmbH, & Heads! Executive Consultancy, 2015, S. 2) Unternehmen sind folglich gefordert, sich im Zuge der digitalen Transformation weiterzuentwickeln, um im Wettbewerb bestehen zu können.

In diesem Abschnitt werden grundlegende Voraussetzungen und Anforderungen thematisiert, die für die erfolgreiche Implementierung der digitalen Transformation in Unternehmen erforderlich sind. Dabei wird die Anwendung digitaler Technologien zur Steigerung der Wettbewerbs- und Anpassungsfähigkeit von Unternehmen in den Fokus gerückt.

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Unternehmen einen Prozess der digitalen Reife durchlaufen (s. Abb. 2), der in drei Phasen unterteilt werden kann: Digitalisierung, digitale Transformation und digitale Neuerfindung (vgl. Dahm & Walther, 2019, 11 f.).

Die einzelnen Phasen des digitalen Reifeprozesses stellen Unternehmen vor unterschiedliche infrastrukturelle und technologische Anforderungen. Im Folgenden wird die Stufe der digitalen Transformation im Rahmen des Modells näher beleuchtet, da sie für die Argumentation dieser Arbeit von herausragender Bedeutung ist. Sie kennzeichnet die Übergangsphase von der Einführung digitaler Technologien hin zur umfassenden Neugestaltung von Geschäftsmodellen.

Es ist jedoch zu beachten, dass die Phasen nicht strikt voneinander abgrenzbar sind, sondern vielmehr fließende Übergänge aufweisen. Die Entwicklung eines Unternehmens verläuft selten linear, sondern umfasst oft Überschneidungen und Rückkopplungen zwischen den Phasen, da technologische, organisatorische und kulturelle Anpassungen parallel erfolgen und sich gegenseitig beeinflussen können.

Drei Stufen des digitalen Reifeprozesses: Digitalisierung, Digitale Transformation und Digitale Neuerfindung, dargestellt als zunehmende Vernetzung.
Abbildung 2: Die drei Stufen des digitalen ReifeprozessesAnmerkung. Eigene Darstellung nach Dahm & Walther, 2019, S. 11

Die erste Phase des digitalen Reifeprozesses in Unternehmen ist die Digitalisierung. Hierbei werden bestehende analoge Abläufe in eine digitale Form überführt, ohne die grundlegenden Strukturen zu verändern. „Digitalisierung beginnt im Kleinen, auf Technologie-, Produkt- oder Prozessebene“ (Saueressig & Oswald, 2022, S. 16). Beispielsweise ersetzen elektronische Workflows papierbasierte Prozesse, wie etwa die Einführung digitaler Zahlungssysteme (vgl. Dahm & Walther, 2019, S. 12). Die Digitalisierung stellt somit die notwendige Bedingung für die Einleitung der Phase der digitalen Transformation in Unternehmen dar.

Damit ein Unternehmen die digitale Transformation in der zweiten Phase des digitalen Reifeprozesses durchlaufen kann, muss zunächst ein Geschäftsmodell vorliegen, das digital transformierbar ist. Ein Informationssystem kann ein entsprechendes Geschäftsmodell dabei entweder unterstützen oder ermöglichen (vgl. Hedman & Kalling, 2003, S. 50–51; Peters et al., 2015, S. 86). Die Nutzung eines entsprechenden Informationssystems geht jedoch mit einem fundierten technischen Wissen einher (Strunz-Happe et al., 2022, S. 94). Der Einsatz neuer Technologien, einschließlich ganzer Informationssysteme, hat eine Veränderung der Quellenbasis und damit des Tätigkeitssystems eines Unternehmens zur Folge (vgl. Hedman & Kalling, 2003, S. 49–50). Unternehmen benötigen eine Systemlandschaft, die es ihnen ermöglicht, schnell auf geänderte Anforderungen reagieren zu können. Hierfür eignen sich beispielsweise cloudbasierte ERP-Systeme (engl.: Enterprise-Resource-Planning-Systems), die sich durch ein hohes Maß an Modularität auszeichnen (vgl. CIO et al., 2024, S. 5–6). Diese Modularität ermöglicht eine schrittweise Integration neuer Funktionen mit Blick auf sich verändernde Geschäftsprozesse und -praktiken.

Erst ein digitales Personalmanagement gewährleistet die Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung der Systemlandschaft im Unternehmen. Daher liegt es nahe, sowohl auf der Führungsebene als auch bei den Mitarbeitenden, digitale Kompetenzen zu fördern. Dies kann durch Investitionen in digitale Weiterbildung erreicht werden, um Mitarbeitende aktiv in den Transformationsprozess einzubinden. Zudem sollte in der Personalbeschaffung verstärkt darauf geachtet werden, Mitarbeitende mit ausgeprägter digitaler Kompetenz einzustellen. Dies ermöglicht es, einerseits den internen Transformationsprozess zu fördern und andererseits auf externe digitale Veränderungen vorbereitet zu sein. (Vgl. Kollmann, 2022, S. 30–31)

Starke Netzwerke, die die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen verschiedener Branchen fördern, stellen eine weitere Voraussetzung dar. Durch die digitale Transformation wird der interaktive Austausch von Informationen zwischen Lieferanten, Kunden und Herstellern ermöglicht. Dies führt zu einem „Wechsel von einem bilateralen Verkäufer-/Käufermodell zu multilateralen Kooperationsmodellen.“ (Saueressig & Oswald, 2022, S. 15). Als Ergebnis dieser Entwicklung ist eine Vernetzung und Abstimmung verschiedener digitaler Prozesse mit dem Ziel möglich, ein nahtloses, kundenorientiertes und attraktives „Erlebnis“ (engl.: Customer Journey) zu schaffen. Dabei werden nicht nur einzelne Abläufe, sondern sämtliche Kanäle, ob online, telefonisch oder in Filialen, zu einem integrierten Mehrkanal-Erlebnis verknüpft. Diese Multikanalstrategie erlaubt es, den Kunden über verschiedene Kontaktpunkte hinweg konsistent anzusprechen und eine Sicht auf deren Verhalten und Bedürfnisse zu gewinnen. Die dadurch ermöglichte Kundenanalyse liefert Unternehmen wertvolle Einblicke, die sie zur Optimierung von Vertrieb, Kundenservice und Kundenbindung nutzen können. (Vgl. Appelfeller & Feldmann, 2023, S. 48–50) Eine besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang die Organisationskultur des Unternehmens, da sie für die erfolgreiche digitale Transformation bedeutsam ist. Nur durch die Förderung einer digitalen Kultur, die auf Agilität und Innovationsbereitschaft setzt, kann die Organisation ihre Anpassungsfähigkeit an digitale Entwicklungen steigern und die Mitarbeitermotivation fördern, ohne dass dabei die grundlegenden Geschäftsmodelle verändert werden müssen (vgl. Herget, 2024, S. 49). Um diese Organisationskultur auf Kommunikation und Zusammenarbeit auszurichten, muss auch hier ein entsprechendes Informationssystem eingeführt werden (vgl. Heerwagen et al., 2023, S. 141).

Innerhalb der Phase der digitalen Transformation erlangt die Stärkung der organisationalen Resilienz eine entscheidende Bedeutung. Dabei beschreibt der Begriff der „organisationalen Resilienz“ die Fähigkeit einer Organisation, auf Veränderungen flexibel zu reagieren (vgl. Schönfelder, 2018, S. 213–214). Unternehmen, die eine robuste digitale Infrastruktur etablieren, weisen eine entsprechend höhere Resilienz gegenüber Marktveränderungen und internen Herausforderungen auf.

Die Führungskraft innerhalb des Unternehmens trägt die Verantwortung, durch strategische Entscheidungen und gezielte Planung die Grundlagen für eine anpassungsfähige Organisation zu schaffen. Darüber hinaus muss sie über relevantes Wissen und Können verfügen, um den spezifischen Führungsanforderungen der digitalen Transformation gerecht zu werden. Dies erfordert ein ausgeprägtes Selbstverständnis, in Bezug auf die strategische und digitale Ausrichtung des Unternehmens sowie die Bereitschaft zur aktiven Gestaltung von Arbeitsabläufen. (Vgl. Heerwagen et al., 2023, S. 184) Die Resilienz der Organisation basiert auf der Optimierung bestehender Strukturen und nicht auf disruptiven Innovationen, die in der darauffolgenden Phase des Models eine Rolle spielen (vgl. Weinländer, 2024, S. 329).

Im Rahmen der digitalen Neuerfindung bilden disruptive Innovationen bestehender Geschäftsmodelle den zentralen Fokus. Die betreffende Phase wird von Unternehmen genutzt, um nicht nur bestehende Strukturen zu optimieren, sondern vollständig neue Wertschöpfungsketten zu kreieren. Dies kann die Elimination traditioneller Distributionskanäle oder die Einführung digitaler Produkte, die bislang nicht existierten, implizieren. Im Gegensatz zu den beiden zuvor genannten Phasen erweist sich in dieser Phase die Entwicklung eines entsprechenden Geschäftsmodells als unabdingbar. Durch derartige Innovationen werden neue Märkte erschlossen und die Erwartungen der Kundschaft an ein modernes, digitales Konsumverhalten erfüllt (vgl. Dahm & Walther, 2019, S. 12).

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf der digitalen Transformation, da diese für zahlreiche Unternehmen einen unabdingbaren Schritt darstellt, um den rasch wandelnden Marktbedingungen sowie den steigenden Kundenerwartungen gerecht zu werden. Wie in Kapitel 2.1.1 dargelegt, vollzieht sich die digitale Transformation in mehreren Entwicklungsphasen, in deren Verlauf eine schrittweise umfassendere Integration digitaler Technologien gefördert wird. Die am stärksten ausgeprägte Phase dieser Transformation, die „Neudefinition des Produkt- und Leistungsprogramms“, bildet den entscheidenden Übergang zur digitalen Neuerfindung. Die digitale Transformation stellt somit eine Vorbereitung und ein Fundament für die digitale Neuerfindung dar, indem sie Unternehmen dazu befähigt, ihre Strukturen so zu entwickeln, dass eine umfassende und disruptive Neuausrichtung möglich wird.

Treiber und normative Grundlagen der digitalen Transformation in Unternehmen

Die digitale Transformation übt einen erheblichen Anpassungsdruck auf Unternehmen aus, da externe Treiber wie technologische Innovationen, gesellschaftliche Erwartungen und die gestiegenen Anforderungen von Kundinnen und Kunden, Investorinnen und Investoren sowie anderen Stakeholdern Unternehmen motivieren, ihre Strategien und Geschäftsmodelle zu überdenken (vgl. Kreutzer, 2017, S. 33–34). In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob tatsächlich jede Unternehmensform gleichermaßen von dieser Transformation betroffen ist oder ob es Branchen, Geschäftsmodelle oder Strukturen gibt, die sich diesem Wandel teilweise oder gänzlich entziehen können.

Neben den externen Einflüssen gewinnen auch interne Treiber an Bedeutung, da sie die Notwendigkeit einer Transformation innerhalb von Unternehmen betonen. Im Rahmen dieses Kapitels wird analysiert, ob und warum Unternehmen digital transformiert werden sollten. Dabei wird sowohl untersucht, welche normativen Grundlagen und externe Treiber den Wandel von außen fordern als auch wie interne Treiber die Notwendigkeit innerhalb des Unternehmens begründen.

Die Außenwahrnehmung eines Unternehmens fungiert als ein externer Treiber, insbesondere im Kontext des sogenannten „Digitalen Darwinismus“. Der Begriff des „Digitalen Darwinismus“ beschreibt den Anpassungsdruck, dem Unternehmen und ganze Branchen ausgesetzt sind, wenn sie den veränderten Rahmenbedingungen der Digitalisierung nicht schnell genug gerecht werden. Digitaler Darwinismus veranschaulicht, dass nicht die stärksten oder intelligentesten Unternehmen überleben, sondern diejenigen, die sich am besten an neue Gegebenheiten anpassen können (vgl. Kreutzer, 2017, S. 34). Dies impliziert, dass zunehmend mehr Unternehmen und Branchen in einen Überlebenskampf geraten, bei dem nur diejenigen erfolgreich bestehen, die die Herausforderungen der Digitalisierung frühzeitig erkennen und entsprechend handeln.

Die Stakeholder erwarten von Unternehmen, dass sie digitale Technologien und Prozesse gezielt nutzen. Sollten sie diesen Erwartungen nicht gerecht werden, laufen sie Gefahr, als veraltet wahrgenommen zu werden, was sowohl ihre Marktposition als auch das Vertrauen in die Marke nachhaltig beeinträchtigen kann. Unternehmen sollten ihre digitale Kompetenz und Innovationsfähigkeit aktiv nach außen kommunizieren, um sich von der Konkurrenz abzuheben. (Vgl. Schönfelder, 2018, S. 81)

Die gesetzlichen Anforderungen intensivieren diesen Druck zusätzlich und tragen somit zur Beschleunigung der digitalen Transformation bei. Regulierungen wie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) oder Cybersecurity-Vorschriften definieren Standards, die von Unternehmen nicht nur zu erfüllen, sondern auch als Chance zu begreifen sind, um Transparenz und Effizienz in ihren Prozessen zu fördern. Des Weiteren bedingen branchenübergreifende Vorgaben zur Automatisierung und Digitalisierung eine Modernisierung interner Abläufe. (Vgl. Kofler, 2018, S. 79)

Sollten Unternehmen die genannten rechtlichen Rahmenbedingungen nicht frühzeitig berücksichtigen, riskieren sie rechtliche Sanktionen. Die konsequente Einhaltung dieser Anforderungen stärkt das Vertrauen von Kunden und Partnern und bietet einen Anreiz für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Digitalisierungsstrategie. Demnach sind gesetzliche Vorgaben nicht nur als Pflichtaufgaben zu verstehen, sondern sie dienen als strategische Hebel, um die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens zu stärken und dessen Relevanz im digitalen Zeitalter zu sichern. (Vgl. Blum, 2017, S. 416)

Die digitale Transformation basiert auf einer konsensualen normativen Grundlage. Diese umfasst die Orientierung an gesellschaftlichen Werten wie der sozialen Verantwortung, dem Umweltbewusstsein und der Förderung eines höheren Wohlfahrtsniveaus. (Vgl. Helmold, 2024, S. 193) Unternehmen werden dazu angehalten, digitale Technologien zu nutzen, um nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche Ziele wie Nachhaltigkeit zu fördern. Diese normative Grundlage macht deutlich, dass Digitalisierung weit über technologische Notwendigkeiten hinausgeht und eine strategische Rolle in der Gestaltung eines modernen, verantwortungsbewussten Unternehmens einnimmt. (Vgl. Herget, 2024, S. 18)

Neben externen Einflussfaktoren sind auch eine Vielzahl interner Gründe zu berücksichtigen, die eine digitale Transformation in Unternehmen erforderlich machen. Zu den zentralen Treibern zählen die Steigerung der Effizienz, die Reduktion von Kosten und die Optimierung von Prozessen. Der Einsatz digitaler Technologien erlaubt die Automatisierung manueller Abläufe, die Implementierung digitaler Workflows sowie die Nutzung integrierter Systeme. Dadurch können Ressourcen effizienter eingesetzt, operative Fehler minimiert und die Produktivität erhöht werden. (Vgl. Appelfeller & Feldmann, 2023, S. 244)Darüber hinaus kann die digitale Transformation zu einer Optimierung der interdisziplinären Zusammenarbeit und Kommunikation führen. Die Implementierung kollaborativer Plattformen und Tools, wie Microsoft Teams oder Google Workspace, fördern den Austausch zwischen Abteilungen und Standorten, wodurch eine gesteigerte interne Vernetzung sowie eine intensivere und transparentere Teamarbeit erzielt werden kann. Zudem erlaubt die Digitalisierung des Wissenstransfers die systematische Sicherung und Bereitstellung von vorhandener Expertise für künftige Herausforderungen. (Vgl. Appelfeller & Feldmann, 2023, S. 94)

Die Möglichkeit der Echtzeit-Transparenz in Prozessen erlaubt es Unternehmen, auf Basis belastbarer Informationen strategische Entscheidungen zu treffen. Der unmittelbare Zugriff auf digitale Daten verkürzt die Entscheidungsdauer signifikant. Gleichzeitig gewährleistet die Nutzung moderner Analysetools eine nachvollziehbare Darstellung interner Abläufe, wodurch potenzielle Schwachstellen frühzeitig identifiziert und behoben werden können. (Vgl. Appelfeller & Feldmann, 2023, S. 146)

Die digitale Transformation von Unternehmen wirkt sich unmittelbar auf die Arbeitsbedingungen und die Bindung der Mitarbeitenden aus. Die Implementierung zeitgemäßer digitaler Arbeitsmodelle, zu denen unter anderem flexibles und ortsunabhängiges Arbeiten sowie personalisierte Weiterbildungsangebote zählen, ermöglicht es Unternehmen, gezielt auf die veränderten Erwartungen und Potentiale ihrer Belegschaft zu reagieren. Solche Maßnahmen können zu einer Steigerung der Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeitenden beitragen. Zugleich dienen sie der Sicherung der Entwicklung digitaler Kompetenzen, die den Erfolg des Transformationsprozesses unterfüttern. (Vgl. Ruf, 2019, S. 358–359)

Die zu Beginn des Kapitels gestellte Frage, ob jede Unternehmensform gleichermaßen von der digitalen Transformation betroffen ist oder ob spezifische Branchen, Geschäftsmodelle oder Strukturen existieren, die sich diesem Wandel teilweise oder vollständig entziehen können, lässt sich differenziert beantworten.

Während hochdigitalisierte Branchen wie die IT- und Technologieindustrie nahezu vollständig von der Transformation durchdrungen sind, erscheint der Einfluss auf traditionellere Bereiche wie Handwerk oder Landwirtschaft zunächst begrenzt. Dennoch lässt sich auch in diesen Sektoren eine wachsende Bedeutung digitaler Technologien beobachten, beispielsweise im Hinblick auf die Automatisierung, Prozessoptimierung oder auf digitale Kommunikationslösungen. Die Anpassung an digitale Entwicklungen stellt folglich auch in vermeintlich weniger betroffenen Branchen einen wesentlichen Faktor für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit dar, wie es auch in dem Konzept des Digitalen Darwinismus postuliert wird. (Vgl. Kofler, 2018, S. 16–17)

Es sei darauf verwiesen, dass eine einheitliche Lösung im Rahmen der digitalen Transformation nicht existiert. Stattdessen ist eine Orientierung an individuellen Ausgangsituationen und Zielen eines jeden Unternehmens erforderlich. Während einige Unternehmen den Fokus auf interne Optimierung wie Effizienzsteigerung und Kostenreduktion legen, nutzen andere die Transformation gezielt zur Erschließung neuer Märkte oder zur Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle. (Vgl. Kofler, 2018, S. 4) Auch wenn einzelne Organisationen auf den ersten Blick weniger stark von der digitalen Transformation betroffen zu sein scheinen, zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass sich langfristig kaum ein Unternehmen vollständig von diesem Wandel ausnehmen kann (vgl. Jäckle & Pufall, 2024, S. 1; Kofler, 2018, S. 16).

Der Umfang und die Intensität, mit der sich die digitale Transformation auf Unternehmen auswirkt, variieren in Abhängigkeit von den spezifischen Rahmenbedingungen. Sie kann dabei sowohl aus einer unternehmensinternen als auch aus einer -externen Perspektive betrachtet werden. (Vgl. Grivas & Graf, 2020, S. 146)

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die digitale Transformation nicht lediglich einen technologischen Wandel darstellt, sondern zugleich einen strategischen Prozess bildet, der den jeweiligen Bedürfnissen und Gegebenheiten eines Unternehmens anzupassen ist. Sie bildet die Grundlage für nachhaltigen Erfolg, indem sie interne Potenziale und externe Anforderungen integriert, um die langfristige Zukunftsfähigkeit von Unternehmen zu sichern.

Diese strategischen Anpassungen betreffen nicht nur Geschäftsmodelle und operative Prozesse, sondern wirken sich auch grundlegend auf Managementansätze aus. Das folgende Kapitel widmet sich den Unterschieden zwischen analogem und digitalem Management. Dabei wird aufgezeigt, wie sich traditionelle Managementmethoden durch die Anforderungen der digitalen Transformation verändern und welche Chancen digitale Ansätze für die Gestaltung moderner Unternehmensstrukturen bieten.